Pubertät als Chance – für Eltern und Kinder gleichgültig welchen Alters

Viele Eltern bangen schon im Kindesalter um die Zeit der Pubertät. Der Glaube, was dann auf sie zukommt und das Unwissen wozu diese Phase sinnvoll ist, schürt diverse Ängste. In Wirklichkeit geht es in dieser Phase für Kinder und(!) Eltern darum, sich vom jeweils anderen zu lösen. Kinder werden reifer und lernen Stück für Stück eigene Entscheidungen zu treffen. Sie wollen dabei kein schlechtes Gewissen oder gar Schuldgefühle den Eltern gegenüber.

Der Begriff der “Pubertät” in der heutigen Gesellschaft

Der Begriff der Pubertät wird in der heutigen Gesellschaft vorwiegend im Sinne von Geschlechtsreifung und Fortpflanzungsfähigkeit beschrieben und diskutiert. Sexualhormone, Geschlechtsorgane, Fortpflanzungsfähigkeit, Verhütung und ein ausgewachsener Körper stehen im Mittelpunkt. Und vor allem die Folgen in der Familie, meistens aus Sicht der Erwachsenen: die “Kinder hören nicht mehr”, “viel Stress zu Hause” und schambesetzte Gespräche über Sex oder eben die Vermeidung solcher Gespräche.

Notwendige Erweiterungen des Begriffes “Pubertät” in der allgemeinen gesellschaftlichen Diskussion

Der Begriff “Pubertät” ist wie oben beschrieben rein biologisch definiert. In der Gesellschaft und in den Köpfen der meisten Menschen, in zumindest meinem Umfeld, werden unter dem Begriff aber meistens die Auswirkungen dieser Phase auf das Eltern-Kind- und das Familienverhältnis diskutiert. Hieraus folgt schon, dass der Begriff und das Verständnis darum erweitert werden sollte:

Ergänzen wir zu der rein biologischen Sicht des Menschseins die nicht trennbare Psychologie und Spiritualität bekommt Pubertät eine Chance für alle Beteiligten. Und das unabhängig davon, ob du als Kind vielleicht schon erwachsen bist. Oder dein Kind bereits erwachsen ist.

Kurzeinführung Psychologie und Spiritualität

Wir Menschen sind spirituelle, also geistige, Lebewesen. Dabei umfasst unser Wesen alle bewussten und unbewussten Anteile unserer Existenzen. Da – wie in der Natur beobachtbar – Energie nicht zerstörbar, sondern nur wandelbar ist, gehören die Erfahrungen aus Vorleben dazu.

Unser Bewusstsein ist das, was uns über unser Leben bewusst ist. Das, was wir willentlich abrufen können. Unser Unterbewusstsein ist hingegen der nichtbewusste Teil unseres Wesens. Glaubenssätze, Anteile unseres bisherigen Lebens und unseres Wesens, auf die wir keinen direkten Zugriff haben, befinden sich hier. Manchmal auch Schattenanteile genannt.

Im Laufe des Lebens wächst das Bewusstsein, da immer mehr Themen des Unterbewusstseins bewusst werden, „auf Kosten“ des Unterbewusstseins. Alle freudvollen und traurigen Momente im Leben, alle Erfolge und alle Probleme bringen uns Stück für Stück uns selbst näher und lassen unbewusste Themen bewusst werden.

Der Drang des menschlichen Wesens sich zu entfalten

Unserem Wesen geht es nicht darum Geld zu verdienen, einen sicheren Arbeitsplatz zu haben und schon mit 25 für die Rente vorzusorgen. Unser Wesen möchte sich entfalten. Und das auf möglichst einfachem (energieoptimierten) Wege: jeder Mensch hat Talente und Fähigkeiten, mit denen er sein Leben für sich selbst bestmöglich leben kann und der Gemeinschaft aller Menschen dienen kann. Nun gehört es zum Menschsein allerdings dazu, dass wir als Kinder unbewusst geboren werden und erst langsam unser Bewusstsein entwickeln. Das ist auch die wahre Definition von Selbstbewusstsein: sich selbst bewusst zu sein.

In der unbewussten Phase der Kindheit kopieren wir viel von unseren Eltern. Und unsere Eltern versuchen, ihre gemachten Erfahrungen und gelernten Erkenntnisse an uns weiterzugeben. Im Rahmen der aktuellen Leistungsgesellschaft heißt das dann: Du musst so und so sein, damit du einen tollen Job bekommst, dir viel leisten kannst und dann ab 67 das machen kannst, was du möchtest. Wenn du nicht so bist, wie dich andere brauchen, wirst du ersetzt. Ich weiß, ich übertreibe ein bisschen. Aber so wird es hoffentlich verständlicher. Letztendlich handelt es sich hierbei um Glaubenssätze, die Kinder von ihren Eltern aufnehmen. Natürlich auch aus der Schule oder der weiteren Gesellschaft. Die Funktionsweise von Glaubenssätzen habe ich in meinem Artikel Glaubenssätze und ihr Einfluß auf dein Leben beschrieben.

Jeder Mensch hat eigene Talente und Fähigkeiten

Die eigenen Talente und Fähigkeiten liegen dann nicht brach. Sie werden aber dazu benutzt, in Rollen zu schlüpfen und in diesen möglichst unbedroht zu verharren. Rollen können im beruflichen die üblichen Berufsbezeichnungen sein: Gärtner, Bäckereifachverkäuferin, Arzt oder Manager. Aufgrund unserer Glaubenssätze verharren wir also in Rollen, anstatt unserem Wesen zu folgen. Das spannt uns an und setzt uns unter Stress. Lies hierzu bei Interesse Entspannung-Anspannung: Die Basis unseres Nervensystems und Körpers. Lebensereignisse wie Krankheiten, Unfälle oder eine aus der tiefe spürbare Sehnsucht zwingen uns dann immer häufiger und heftiger etwas in unserem Leben zu ändern. Immer dann geht es mehr in die Richtung der eigenen Natur, also des eigenen Wesens. Es sei denn wir wollen unbedingt im Alten verharren und unterdrücken die Symptome bspw. durch Medikamente.

Die Pubertät als Loslassen von Eltern und Kindern

Die biologische Sicht der Fortpflanzungsfähigkeit von Kindern beschreibt die von Natur aus gegebene Möglichkeit, jetzt erwachsen zu sein und eine eigene Familie zu gründen. In unserer westlichen Kultur ist das für die meisten sicherlich zu früh, aber auch das sind letztendlich nur Glaubenssätze und Weltbilder. Naturvölker bspw. handhaben das anders. Ich möchte hier aber kein Plädoyer für frühe Familiengründungen geben. Denn neben der biologischen Sicht können wir die psychologische und spirituelle Sicht stellen: Kinder wollen sich lediglich von den Eltern lösen. Sie möchten eigene Erfahrungen sammeln. Sie haben eigene, und meistens ganz andere, Talente und Fähigkeiten als ihre Eltern. Und sie wollen dabei kein schlechtes Gewissen oder gar Schuldgefühle den Eltern gegenüber. Sätze wie “Du raubst mir meine Kraft.”, “Du machst mich unglücklich.” oder gar “Du bringst mich ins Grab.” klingen zwar heftig, gehören heutzutage aber zum Alltag zwischen Eltern und Kindern. Aus Sicht der Eltern entstammen diese Sätze aus der Rolle “Vater” oder “Mutter”. Die Eltern klammern sich an ihre Rollen und beschimpfen häufig ihre eigenen Kinder, anstatt das Loslassen der eigenen Kinder zu betrauern und aus dieser Phase gestärkt hervorzugehen.

Das Lösen

Die bei der Loslösung des Kindes von den Eltern empfundenen Gefühle sind unangenehm und sollen vermieden werden. Häufig plagen die Eltern Gedanken wie “Was sollen denn die Nachbarn, Freunde, etc. denken, wenn mein Kind … macht?”. Das sind aber nicht die Probleme des Kindes, sondern die der Eltern. Die Eltern dürfen ihre eigenen Gefühle fühlen und dadurch wandeln. Auch wenn es ein gefühlsintensives und vielleicht tränenreiches Loslassen vom eigenen Kind wird, ist dabei viel zu entdecken: die Eltern waren in den Jahren der Kindheit der eigenen Kinder viel “Eltern”. Sie dürfen sich jetzt selbst neu definieren. Denn sie haben in den letzten Jahren so viel mit ihren Kindern erlebt und gelernt, dass sie viel reifer sind als vorher. Sie dürfen wieder mehr sie selbst sein und andere Dinge angehen. Mit gewonnenen Erfahrungen und der Selbstsicherheit die eigenen Kinder bis hierin begleitet zu haben.

Trauer gehört dazu

Das Betrauern geschieht natürlich nicht über Nacht. In dieser Phase gehören Widerworte, Diskussionen und Streitigkeiten dazu und gestatten beiden Seiten sich zu reiben und aneinander zu wachsen. Sie ermöglichen das Spüren der Spannung zwischen Jung und Alt sowie das intensive Erleben der Situation: die eigenen Gefühle und Glaubenssätze stellen den Schlüssel dar. Auf beiden Seiten. Denn aus Sicht der Kinder gibt es auch viele Lernschritte: Mama und Papa sind bspw. nicht bis zum Lebensende Dienstleister, dann wenn es dem Kind gerade passt. Lösen bedeutet auch hier psychisches Reifen und Verantwortung für sich selbst zu übernehmen.

Für die Pubertät ist es nie zu spät

Viele Erwachsene fühlen sich ihren Eltern gegenüber immer noch verpflichtet. Bei Entscheidungen spielen unbewusst und manchmal auch bewusst das Gefallen-wollen der Eltern mit. Das fängt bei regelmäßigen Telefonaten oder Besuchen an und hört bei der Partnerwahl oder beruflichen Veränderungen noch lange nicht auf. Die emotionale Lösung zwischen Eltern und Kindern, gerade im Erwachsenen-Alter birgt unvorstellbare Chancen für beide Seiten. Jeder der Beteiligten kann sein Leben freier leben. Denn wie schon beschrieben: das eigene menschliche Wesen will sich entfalten. Dafür ist es nie zu spät.

 

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